Lesemonat April 2018

Dystopisch, spannend, traurig, lustig, seltsam faszinierend… naturgewaltig – das war mein Lesemonat April!

 Robber (ReRead)

Robber, Wolf Durian 4_Sterne

Robber erzählt die Geschichte von einem Wolf, der durch schicksalhafte Umstände zu den Menschen gelangt. Er baut eine freundschaftliche, treue Beziehung zu Gill, einem Farmermädchen, und dem Schäfer Iram, auf, kann aber die wilde Seite des Wolfes nie gänzlich ablegen.

Die Beziehung des Menschen zum Wolf ist seit jeher eine schwierige. Die Menschen schwanken zwischen Faszination und Angst, sie lieben ihn und sie hassen ihn. Des Wolfs natürlicher Instinkt ist es zu überleben, wie jedes andere Tier und er überlebt indem er andere Tiere tötet, so auch die Nutztiere der Menschen. Und das ist es was ihm zum Verhängnis wurde und der Mensch nach seinem Leben trachtete. So kam es, dass der heimische Wolf in Deutschland gänzlich verschwand. Jahrzehnte später wurde er wieder angesiedelt und es treten die gleichen Probleme auf. Die Bauern beklagen sich, die Menschen haben Angst. Und das Spiel beginnt erneut. Der Mensch wankt zwischen dem Schutz des Wolfes und den Tod des Wolfes

Wolf Duran widmet sich in seiner Geschichte ‚Robber‘ dem Aufeinandertreffen wilder Natur in die menschliche Zivilisation. Und er beginnt seine Geschichte in entlegensten Orten Amerikas, bei den Farmern, die ihren Lebensunterhalt durch das Hüten von Schafen und Rindern verdienen. Die Farmer erleben die sowohl schöne als auch grausame Natur am intensivsten. Sie leben mit ihren geliebten und (nur) nützlichen Haustieren, bewundern die harmlosen Erdeichhörnchen und Hirsche und fürchten die Raubtiere, vor allem die Wölfe, die ihnen ihre Nutztiere nehmen und ihnen das Leben schwer machen.

Das Buch Robber erschien erstmals 1955 im Kinderbuchverlag Berlin. Das Buch ist an Leser ab 10 Jahren gerichtet. Dabei wird das Leben wie es ist/ war nicht beschönigt. Das Leben als Farmer ist schwer, Tiere oder Menschen kommen ums Leben. Aber auch die Schönheit, die Liebe zur Natur und zu den Tieren, ja auch zu den zivilen Dingen wie der Musik und der Bildung kommen in der Erzählung nicht zu kurz.

Ich habe die 13. Auflage, veröffentlicht 1969, als Kind gelesen und fand sie damals richtig toll. Auch heute noch mag ich die Geschichte, auch wenn bei manchen Dingen nun der Kritiker des Erwachsenen aufblitzt.

Die Geschichte bleibt bei der Charakterdarstellung etwas oberflächlich (aber für ein Kinderbuch völlig ausreichend) und wird im Stil einer Lagerfeuergeschichte erzählt, in der Art „vor langer Zeit in Amerika gab es einen Wolf, der statt Schafe zu reißen sie auch gehütet hat… “ Dabei kennt man die Geschichte vielleicht nur aus zweiter, dritter Hand und von den Charakteren bleiben nur die charakterlichen Grundzüge stehen. Die Geschichte selbst beginnt aus der gedachten Perspektive eines Wolfswelpen.

Die Geschichte wird von schönen Illustrationen, gezeichnet von Hans Betcke, ergänzt.

Fazit: Ein wunderschönes Kinderbuch mit einer realistischen Tiergeschichte und den Zwiespalt des Menschen gegenüber dem Wolf oder allgemein der Natur.

Robber
Wolf Durian, Illustrationen von Hans Betcke
Kinderbuchverlag Berlin, 1969, 13. Auflage
103 Seiten, ab 10 Jahre
Hardcover (Amazon.de, Gebrauchtmarkt)

Die Vegetarierin

Die Vegetarierin von Han Kang 5_Sterne

Die Vegetarierin von Han Kang wurde 2007 in Südkorea erstveröffentlicht, 2016 ins Englische übersetzt, welche schließlich den internationalen Booker-Literaturpreis gewonnen hat. 2016 wurde die Geschichte vom Berliner Aufbau Verlag herausgegeben.

Die Vegetarierin ist eine sehr originelle Geschichte, die in drei Akten miteinander verwoben wird, über das Leben und die festgelegte Rolle von Individuen. Bricht ein Individuum aus der Rolle aus, entsteht ein Sog, in der alle hineingezogen werden und anfangen ihr Leben zu hinterfragen. Eine Metamorphose entsteht und wird für den Leser in der Vegetarierin Yeong-Hye versinnbildlicht. Anfangs ziel- und gefühllos in der Ehe eingemauert, entflieht sie, die immer Gehorsame und sich Unterordnende, der gesellschaftlichen Norm, indem sie sich weigert Fleisch zu essen. Die Verwandlung beginnt. Die Familienmitglieder und der Ehemann entschließen sich gewaltsam gegen diesen Ausbruch aus der Norm vorzugehen, was Hyong-Hye in die schiere Verzweiflung treibt. Was geschieht mit Menschen, die nicht mehr der Norm entsprechen, die nicht mehr so funktionieren wie sie alle anderen haben wollen?

Hyong-Hye begibt sich weiter in ihre Welt. Sie möchte eine Pflanze werden.

Der Schreibstil von Han Kang und die deutsche Übersetzung von Ki-Hyang Lee war ein wahrer Genuss beim Lesen. Ich bin nur so über die Wörter und Sätze geflogen und wurde in die sonderbare Geschichte wehrlos hineingezogen. Han Kang hat einen sehr flüssigen Schreibstil wie ich es schon lange nicht mehr erlebt habe.

Trotz der doch seltsamen Handlungen und andersartigen Denkweisen der Figuren, hatte ich zu keinem Zeitpunkt ein Gefühl von Unwirklichkeit. Man nimmt die Charaktere, die sich in ihren Gedanken und auch teils verborgenen Taten dem Leser entblößen, einfach an.

Fazit: Eine originelle Geschichte aus Südkorea, die mir sehr gut gefallen hat und eine starke Symbolkraft in sich verbirgt. Absolute Empfehlung!

Die Vegetarierin
Han Kang, übersetzt von Ki-Hyang Lee
Aufbau Digital, 2016, 1. Auflage
174 Seiten
Kindle-Version

American War

American War von Omar El Akkad 4_Sterne

American War von Omar El Akkad erzählt eine mögliche Zukunftsversion Amerikas, in welcher die Gebiete des heutigen Ölreichtums zu wirtschaftlichen Verlierer werden, weil sie an alte Energien wie das Benzinauto festhalten und die Natur sich das Land zurückerobert. Es kommt zum Krieg zwischen dem reich gewordenen umwelt- und energiefortschrittlichen Norden („die Blauen“) und den an alten Tradition behafteten verarmten Süden („die Roten“).

Wir erfahren die Geschichte von Sarat Chestnut, die im Land der Roten geboren wurde. Beginnend als sie und ihre Zwillingsschwester ca. sechs Jahre alt sind und ihr Vater durch die Tat der Rebellen („der Roten“), also der eigenen Landsleute ums Leben kommt, weil er am falschen Ort zur falschen Zeit war. Sarat und ihre Familie, bestehend aus ihrer Zwillingsschwester, ihrem älteren Bruder und ihrer Mutter, beschließen in den Norden zu fliehen. Aber sie kommen nur bis zu einem Flüchtlingslager wo sie jahrelang verweilen, gefangen an der Grenze zwischen Nord („den Blauen“) und Süd („den Roten“).

Sarat wächst im Umfeld zwischen diesem „Nicht auf Dauer ausgerichtetem Leben“ auf und wird Spielball aller Seiten, welche nicht nur die Roten oder die Blauen sind, sondern auch andere Interessenlager, für die ein Krieg zwischen dem Norden und dem Süden Amerikas wirtschaftliche Vorteile und politische Stabilität im eigenen Land bedeutet. Sie unterwandern Hilfsorganisation wie der rote Halbmond, versprechen zu helfen, aber sind der Wolf im Schafspelz.

Der Autor zeichnet das Bild eines Menschen, der unschuldig in diese Welt kam und zu einer (kaltblütigen?) Mörderin mutiert. Anhand von Schlüsselerlebnissen, persönlichen Verlusten, Verblendungen und Ungerechtigkeiten, die Sarat im Laufe ihres Lebens widerfahren, zeigt der Autor uns ihre Verwandlung.

Die Frage ist: Hätte sie zu irgendeinem Zeitpunkt einen anderen Weg einschlagen können? Was macht Krieg aus einem Menschen? Rache, Wut, Angst – ist das alles was bleibt? Wie kann man vergeben und kann man überhaupt vergeben?

Wir lernen nicht nur Sarats Weg kennen, sondern auch andere Beteiligte. Protokolle des Nordens für die Aufarbeitung der Schrecken des Krieges im Nachhinein, zeigen wie sich Geschichte zu Gunsten der Sieger verändert. Geschwärztes bleibt geschwärzt, vieles wird nie komplett aufgeklärt, einiges wird verharmlost und manches unter dem Teppich gekehrt. Eine Notwendigkeit um des Friedens willen.

Mir hat besonders  die Dynamik zu Beginn und zum Ende der Geschichte gefallen. Den Mittelteil fand ich teils etwas langatmig. Der Autor hat den Leser sehr lange im Ungewissen gelassen in welche Richtung sich die Geschichte entwickelt.

Fazit: Eine dystopische Geschichte, die zum Nachdenken anregt und auch die vergangenen und aktuellen Krisen reflektiert.

American War
Omar El Akkad, übersetzt von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Alliée
FISCHER E-Books, 2017, 1. Auflage
448 Seiten
Kindle-Version

Artemis

Artemis 4_Sterne

Artemis ist der zweite Roman  von Andy Weir nach dem Bestseller „Der Marsianer“. Und auch in diesem Roman widmet sich Andy Weir der Raumfahrt und wissenschaftlichen Themen wie eine Stadt auf dem Mond am Leben erhalten werden kann.

Der Autor verpackt die hochkomplexen wissenschaftlichen Gegebenheiten für eine dauerhafte Existenz einer Stadt auf dem Mond in einen spannenden Unterhaltungs- und Wirtschaftsthriller bei dem unsere weibliche arabisch stämmige Hauptprotagonistin – Schmugglerin mit Ehrenkodex – immer tiefer in ein Katz -und Mausspiel hineingezogen wird.

Während die Geschichte sich entfaltet, lernen wir mehr und mehr die Funktionsweise und die sozialen Strukturen (z.B. EVA-Gilde, Tourismus) der Stadt auf dem Mond kennen.

Auch in diesem Roman lässt uns Andy Weir an den lässigen und ironischen, humorvollen Gespräche der Protagonisten teilhaben nach dem Motto „Wenn wir schon sterben müssen (was wir eigentlich nicht wollen, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt) dann zumindest mit einem epischen Spruch auf den Lippen oder einem angemessenen ‚Scheiße, verdammt‘.“ Die weibliche Protagonisten entspricht genau diesem Stil, womit der Autor eine sehr authentische Persönlichkeit geschaffen hat.

Sehr stark ausgereizt hat der Autor meiner Meinung nach, dass nachdem ein Problem gelöst wurde, ein zweites auftauchte und dann ein drittes und so fort. Sicher, auch dies kann der Realität entsprechen (Murphys Gesetz), aber manchmal war es mir dann doch zu viel des Guten.

Die Geschichte spricht auch durchaus ernste Themen an, wie die Vater-Tochter Beziehung oder Religion, Toleranz, Heimat und Abschiebung oder politische und wirtschaftliche Korruption, bleibt dabei aber mit der Geschichte selbst im Fahrwasser eines Hollywoodfilms mit Happy End, bei dem den Bösen das Handwerk gelegt wird und die Protagonisten das Herz am rechten Fleck sitzen haben.

Nichtsdestotrotz mochte ich die Geschichte um die Schmugglerin Jazz Bashara und ich würde auch gerne noch mehr erfahren. Das Buch schreit förmlich nach einer Fortsetzung. Dann darf es für mich auch gerne noch mehr persönliche Dramen haben.

Fazit: Ein schönder, lockerer Unterhaltungsthriller mit faszinierendem Schauplatz und Liebe zur technischen und wissenschaftlichen Details.

Artemis
Andy Weir, übersetzt von Jürgen Langowski
Heyne Verlag, 2018, 1. Auflage
432 Seiten
Kindle-Version

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Veröffentlicht von

querlesen

Langsam- und Genussleserin

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