Lesemonat Mai 2018

Zwei Romane, die historische Begebenheiten aufarbeiten, zwei grafische Novellen und ein Hörbuch (Thriller) haben meinen Lesemonat Mai 2018 bereichert.

Kranichland

Kranichland, Anja Baumheier 5_Sterne

Kranichland ist ein Roman von Anja Baumheier und ist 2018 im Wunderlich Verlag erschienen.

Der Roman erzählt die Geschichte einer Familie, welche durch die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse des geteilten Deutschlands stark beeinflusst wird. In den zwei Schwestern – Charlotte und Marlene – zeigt sich das Vermächtnis der Teilung Deutschlands. Das Leben in unterschiedlichen politischen Systemen unvoreingenommen und  anhand von einer Familiengeschichte abzubilden ist so gut wie ein unmögliches Vorhaben (vor allem in dieser Kürze), aber der Autorin ist meiner Meinung nach ein sehr guter, spannender und anspruchsvoller Roman ohne wertende Eigenschaften gelungen.

In kurzen Kapiteln erfahren wir Episoden aus dem Leben der Protagonisten, angefangen von 1936 bis 2016, die am Ende ein Gesamtbild ergeben. Die Autorin hält sich dabei wenig mit Beschreibungen auf, sondern pickt gezielt bestimmte Ereignisse der Protagonisten heraus, die die zukünftigen Handlungen erklären. Sie springt dabei sowohl zeitlich als auch charakterperspektivisch hin und her.

Kritisch, objektiv und auf menschlicher Ebene beschreibt die Autorin die Gedanken- und Gefühlswelt eines Stasi-Mitarbeiters, wobei hier nicht die eigentliche Arbeit der Stasi im Vordergrund steht, sondern die durch die Mitgliedschaft entstehenden Konflikte, die am Ende auch die nächsten Familiengenerationen beeinflussen. Auch werden der Überwachungsstaat thematisiert, sowie die Verfolgung und willkürliche Gefangenschaft von Menschen, sowie die Freikäufe und damit die finanziellen Beziehungen zwischen der DDR und Westdeutschlands.

Das Buch ist in einem einfachen Sprachstil geschrieben, wobei der unterschiedliche Sprachgebrauch der DDR und Westdeutschlands sehr authentisch wiedergegeben wird. So wurden in Westdeutschland englische Wörter und in der DDR den teils typischen Gebrauch von Wörter wie Solidarität, Imperialismus… und russische Wörter in den Dialogen eingebunden. Besonders aufgefallen ist mir zum Beispiel auch der für mich altmodische Gebrauch der Wörter wie Vati und Mutti, was die Zeit, in welcher die Geschichte spielt sehr glaubwürdig wirken lässt.

Die Geschichte ist teils vorhersehbar, was manchmal daran liegt, das der/ die Leser_in mehr Wissen hat als die Romanfiguren. Zwar wird dadurch dem Roman etwas Spannung entzogen, was ich aber als nicht allzu störend empfand.

Fazit: Kranichland ist ein Roman, der die Teilung Deutschlands vor allem auf menschlicher Ebene aufarbeitet und zeigt das es kein Besser oder Schlechter von Ost oder West gibt, sondern am Ende die Menschen das „Kranichland“ suchen und finden möchten, welches durch äußere Umstände manchmal im Nebel verborgen ist.

Kranichland
Anja Baumheier
Wunderlich Verlag, 2018, 1. Auflage
462 Seiten
Hardcover (Amazon.de)

Menschenwerk

Menschenwerk, Han Kang 5_Sterne

Menschenwerk von Han Kang erschien 2017 im Aufbau Verlag. Der Roman beschreibt aus unterschiedlichen Perspektiven die historischen Ereignisse im Mai 1980 in Südkorea, später als Gwangju-Massakers bezeichnet, und die daraus resultierenden Nachwirkungen auf die Betroffenen. Die Kapitelüberschrift enthält dabei den Namen des Charakters und das Jahr als zeitliche Einordnung. Die Kapitel sind in unterschiedlichen Subjekt-Formen geschrieben.

  • Das Vögelchen, Dong-Ho, 1980: in der DU-Form geschrieben
  • Der schwarze Atem, Jeong-Dae, 1980: in der ICH-Perspektive geschrieben
  • Sieben Ohrfeigen, Eun-Suk, 1985: SIE-Perspektive
  • Metall und Blut, Jin-Su, 1990: ICH-Perspektive
  • Die Iris der Nacht, Seon-Ju, 2002: SIE-Perspektive (Höflichkeitsform)
  • Dorthin, wo die Blumen blühen, Dong-Hos Mutter, 2010: ICH-Perspektive
  • Epilog: Schneebedeckte Lampen: in der ICH-Perspektive (die Autorin)

Ich fand diese Herangehensweise sehr interessant, aber auch teils verwirrend. Insbesondere die Sie-Form (Höflichkeitsform) fand ich gewöhnungsbedürftig. In diesem Kapitel hatte ich Probleme zu folgen, wohin gehend ich mit der ungewöhnlichen Du-Form des ersten Kapitels keine Schwierigkeiten hatte.

Ich hatte keine Ahnung von der Geschichte Südkoreas und bin dankbar, dass die Autorin sich an diese schwierige Aufgabe, eine historisch schonungslose und dennoch menschliche Aufarbeitung, aus Sicht der Opfer, der Angehörigen der Opfer und auch der Täter, sowie der Perspektive eines ganzen Landes, herangewagt hat.

Wer sich auf dieses Buch einlässt, sollte wissen, dass dieses Buch wirklich weh tut, in jeglicher Form, zeigt es doch zu was Menschen fähig sind, einerseits als Täter unmenschliche Grausamkeiten zu vollziehen und andererseits als Opfer unerträgliches Leid zu erdulden.

Die Kenntnis, dass dies so geschehen ist, lässt einen unfassbar zurück und gleichzeitig hat man diese Ahnung, dass Menschen zu diesen unsagbaren Dingen (die Autorin hat sie gesagt) fähig sind und man fragt sich warum nur? Hätte es denn keinen anderen Weg geben können? Ist und bleibt der Mensch sein ärgster Feind?

Und dann gibt es dieses Buch, was einem Hoffnung gibt, zu glauben, dass Menschen aus der Vergangenheit lernen könnten oder zumindest den Tod dieser jungen Menschen mit all ihren Sehnsüchten, die ihre Stimme für Freiheit und Gerechtigkeit erhoben haben, nicht sinnlos erscheinen lässt.

Ein Buch das den stummen Schrei der Opfer eine würdige Lautstärke verleiht. Es ist keine leichte Lektüre, aber eine wichtige.

Etwas schade fand ich, dass in der Kindle-Version kein x-ray vorhanden war. Ich hatte doch Schwierigkeiten mit den koreanischen Namen, so dass mir das x-ray sicherlich geholfen hätte.

Menschenwerk
Han Kang
Aufbau Verlag, 2017, 1. Auflage
222 Seiten
Kindle-Version (Amazon.de)

Rise Of The Robots (Vol 5, Descender, Comic)

Descender, Vol. 5 (Rise Of The Robots) 4_Sterne

Rise Of The Robots ist der fünfte Band des Comics der Descender-Reihe (Kapitel 22-26). Den fünften Band las ich in der englischen Kindle-Version, erschienen 2018 im Image Verlag.

Auch in diesem Band bleibt der Künstler  Dustin Nguyen seinem Stil der skizzenhaften Mimik und teils verwaschenen bzw. schleierartigen Aquarelle treu.

Descender_Vol5_Bild2

Der fünfte Band beginnt auf den Planeten Mata, auf dem wir in Band 4 zusahen, wie Telsa von Tim-22 in den Ozean „entsorgt“ wurde. Gleichzeitig befinden sich Tim-21 mit Hardwire auf dem Maschinenmond, auf welchen auch Andy eintrifft. Tim-21 erkennt seinen menschenlichen Bruder Andy sofort, aber Hardwire kennt keine Gnade und schickt seine Warrobots auf Andy und seine Crew. In diesem Moment trifft die UGC-Flotte in den Orbit des Maschinenmondes ein…

Descender_Vol5_Bild1

Die Emotionalität und der Gesprächswitz aus dem vierten Band traten in diesem Band durch die doch lebensbedrohlichen Ereignisse in den Hintergrund. Für mich war dies der bisher am schnellsten zu lesende Band. Ich war sehr enttäuscht, als dieser Band plötzlich zu Ende war, und auch noch mit einem Cliffhanger endete.

Rise Of The Robots (Descender, Vol. 5)
Autor: Jeff Lemire, Künstler: Dustin Nguyen
Image Verlag, 2018, 1. Auflage
103 Seiten
Kindle-Version (Amazon.de, englische Version)

Ich Finde Dich

Ich finde dich, Harlan Coben 3_Sterne

2014 im Hörbuchverlag erschienen, habe ich den Thriller „Ich finde dich“ von Harlan Coben in der Audioversion mit dem Sprecher Detlef Bierstedt gehört.

Wir folgen Jake Fisher, der zusah wie die Liebe seines Lebens, Nathalie, einen anderen Mann heiratet und ihr auch noch versprechen muss, sie nie wieder zu kontaktieren. Aber das ist schwieriger als gedacht. Die Neugier und das Herz treiben Jake dazu sein Versprechen zu brechen.

Der Autor schreibt in der Ich-Form, was für einen Krimi/ Thriller genau das Richtige ist. Denn so wissen und erfahren wir was Jake weiß, nicht mehr und nicht weniger. Wir wühlen uns durch die Geheimnisse die sich hinter der mysteriösen Bitte und dem Verschwinden Nathalies verbergen.

Anfangs hat mich die Geschichte gleich in den Bann gezogen und war spannend. Ich wollte auch unbedingt wissen wie es weiter geht und es endet. Das Ende war dann jedoch für mich etwas enttäuschend (wobei dies auch Geschmackssache ist).

Ein Highlight für mich war der Sprecher. Zum Einen ist die Stimme sehr angenehm und zum Anderen hat der Sprecher den Figuren Leben eingehaucht. Er hat jeder Figur eine andere Stimmlage und Sprechweise gegeben und er hat den Witz und Humor des Autors in den Figuren genau an den richtigen Stellen wiedergegeben ohne dabei die Figur ins Lächerliche zu ziehen.

Ein leichter, angenehmer und spannender Hörgenuss.

Ich finde dich
Autor: Harlan Coben Sprecher: Detlef Bierstedt
Der Hörverlag, 2014, 1. Auflage
10h 37min (ungekürzt)
Audio-Version (Amazon.de)

Pretty Deadly: The Shrike

Pretty Deadly: The Shrike 5_Sterne

Die graphische Novelle Pretty Deadly: The Shrike von Kelly Sue DeConnick, die 2014 im Verlag Image Comics (1862) erschien, ist der erste Band der Reihe. Die bildliche Darstellung wurde von Emma Rios und Jordie Bellaire umgesetzt.

Der Leser wird von der ersten Seite an in eine fantastische Welt voller Mysterien, Götter und Sagen gezogen und kann sich dem auch kaum entziehen. Dabei hat Kelly Sue DeConnick die Geschichte in eine Westernlandschaft gesetzt, so dass das Wilde, die Gesetzlosigkeit und die Angst nicht sicher zu sein verstärkt werden. In diesem Umfeld entfaltet sich die mystische Geschichte, in welcher der personifizierte Tod liebt und hasst und sogar selbst Angst hat zu vergehen.

Die Geschichte beginnt damit, dass ein Schmetterling und ein Kaninchen („Bunny“) sich erinnern wie sie sich einst begegneten, nämlich in dem Moment als das Kaninchen den Tod traf. Und so erzählt „Bunny“ die Geschichte von Sissy und Ginny, vom Tod und vom Leben, von Schuld und Reue, von Rache und Sühne, von Schicksal und eigener Selbstbestimmung, von Monstern und Helden, von Gut und Böse und dem Grau dazwischen.

Die Geschichte ist sehr komplex mit viel Tiefe gestaltet. Sie ist dabei teils poetisch und episch und wird durch die Zeichnungen hervorragend getragen. Die Zeichnungen sind sehr detailreich und bestechen durch hervorragende Farben und Kontraste. Es ist nicht immer leicht die Details genau zu erkennen. Die Bilder fordern den Leser zur Aufmerksamkeit, aber genau das führt auch zum Verweilen, zum intensiven Betrachten der Bilder.

Man merkt deutlich, dass die Figuren, sowohl die Menschen als auch die Gestaltung der mystischen Wesen, mit viel Bedacht und Überlegungen passend zu der Charakterbildung der Geschichte gezeichnet wurden.

Eine grafische Novelle, die man auf jeden Fall mehr als einmal lesen und betrachten sollte. Je öfter, desto komplexer und tiefgründiger wird die Geschichte, aber auch desto mehr (Sinn-)Fragen stellt man sich und desto mehr Klarheit bekommt man.

Es sei auch angemerkt, dass sowohl die Geschichte als auch die Bilder Gewalt und Sex darstellen und sehr blutig sein können und dies ein Erwachsenen Comic ist.

Pretty Deadly: The Shrike (Vol. 1)
Autor: Kelly Sue DeConnick Künstler: Emma Rios und Jordie Bellaire
Image Comics (1862), 2014, 1. Auflage
120 Seiten
Kindle-Version (Amazon.de, englisch)

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Veröffentlicht von

querlesen

Langsam- und Genussleserin

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