Lesemonat November 2018

Ein Monat mit vier tollen Büchern.

Die Gestirne

Die Gestirne, Eleanor Catton 3_Sterne

Die Gestirne von Eleanor Catton erschien 2015 in der deutschen Übersetzung von Melanie Walz im btb Verlag und entführt uns in das 19. Jahrhundert nach Neuseeland zur Zeit des Goldgräberrausches.

Es ist der 27. Januar 1866, als wir mit dem Schotten Walter Moody  in dem kleinen Goldgräberstädchen Hokitika in Neuseeland landen und schicksalhafter weise in eine geheime Versammlung aus zwölf Männer im Rauchzimmer des Crown Hotels platzen, in welcher wir von den  mysteriösen Tod des Crosbie Wells erfahren und von der angeblichen Selbstmordabsicht der opiumabhängigen Hure Anna Wetherell. Alle zwölf Männer sind in irgendeiner Weise in die Handlungen die zu den mysteriösen Ereignissen führten, verstrickt.

In Rückblenden erfahren wir die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven und lernen so die Goldgräberstadt und das Leben im Goldrausch kennen.

Dabei hat die Autorin den Figuren astronomische Sternzeichen oder Planeten zugeordnet und folgt der Geschichte, in dem das astronomische Schicksalsrad gedreht wird und Sterne- und Planetenkonstellation sich entsprechend ändern. Ich muss gestehen, dass ich auf die astronomischen Zeichen hätte verzichten können, da ich sie nicht im Ganzen verstanden habe und es auch keine Erklärungen zu den Zeichen gibt.

Anfangs etwas gewöhnungsbedürftig war die opulente Sprache mit sehr langen, ausschweifenden ineinander verschachtelten Sätzen, die jedoch teilweise sehr passend für die Atmosphäre des 19. Jahrhundert ist.

Ich fand den Anfang der Geschichte sehr gut und war auch sehr gebannt, was denn nun zum Tod des Crosbie Wells geführt hat und ließ mich auf die Geschichten der Männer und später auch Frauen ein, die jeweils aus deren Perspektiven erzählt wurden. So wusste jeder was anderes, entweder eine andere Perspektive zu einem gleichen Sachverhalt oder ein weiteres Puzzleteil als Ergänzung des Gesamtbildes. Dabei kommt es zu Wiedersprüchen, Lügen, Halbwahrheiten, alles wozu Menschen neigen, wenn sie Geschichten erzählen und dabei sich selbst oder andere schützen wollen.

Das Ende der Geschichte gefiel mir nicht so gut, weder inhaltlich noch stilistisch. Die plötzliche Änderung der Lesestruktur – ganz kurze Kapitel mit einem langen Satz als Vorwort der Kapitel – einzuführen, führte zu einem Bruch im Lesefluss, gerade weil zuvor die Kapitel länger und eher ausschweifend waren. Auch inhaltlich hätte ich mir mehr Klarheit am Ende gewünscht, da die Geschichte sehr komplex war.

Die Gestirne
Autorin: Eleanore Catton
btb Verlag, 2015, 1. Auflage
1040 Seiten
Hardcover (Amazon.de)

König Lear

König Lear, William Shakespeare 4_Sterne

Das Drama König Lear von William Shakespear, welches ca. zwischen 1603 und 1606 entstanden ist, beruht auf ältere Überlieferungen der Geschichte des sagenumwobenen Königs Leir und seiner drei Töchter wahrscheinlich im 8. Jahrhundert vor Chr. im antiken Britannien. Ich las die urheberfreie Kindle-Ausgabe in der Übersetzung von Graf Baudissin.

König Lear beschloss sein Reich durch einen Liebesbeweis unter seinen drei Töchtern aufzuteilen. Aus dieser Idee heraus zerbricht die Welt: wortgewandte Liebesschwüre entpuppen sich als unecht und erklärte pflichtbewusste Vaterliebe als wahres Gefühl.

Shakespeares Werke sind sprachlich gesehen nicht leicht zu verstehen (und einiges ist gar nicht zu verstehen), sieht man da aber drüber hinweg und lässt sich drauf ein, ist es wie ein emotionaler Ritt durch die Gefühlswelt der Protagonisten. Wer ist gut, wer ist böse – oder gibt es das vielleicht gar nicht? Shakespeare wirft uns in eine Intrigenwelt der großen Leute, die am Ende so fühlen wie die kleinen Leute.

Er zeigt uns die Gegensätze auf: alt und jung, reich und arm, Geburtsrecht und erworbenes Recht, Freund und Feind, Diener und Herr, Freude und Trauer, Schuld und Unschuld, Liebe und Hass, Wahnsinn und Vernunft, klug und dumm, Natur und Mensch – Richtig oder falsch? Leben und Tod. Und in aller Tragik und Ernsthaftigkeit, kommt so mancher Witz daher, so ganz wie nebenbei.

Shakespeares Werke halten auch mit der Modernen mit. Fast alle Themen können auf die heutige Zeit übertragen werden. Hier sei zum Beispiel der Umgang mit älteren Menschen zu erwähnen, sowie es dem König Lear wiederfuhr, erfährt auch heute so manch älterer Mensch die Undankbarkeit und den Eigennutz der Jugend, aber es gibt eben auch Cordelias unter uns mit einem großem Herzen und Pflichtgefühl.

Ich mag die Verse, die Übertreibungen in Tragik und Drama, die Gefühlsausbrüche, der Abgrund, der Wahnsinn zu dem Menschen gedrängt werden können und die Einsicht, die sie erlangen. So ist jeder ein Narr, ein König und ein Bettler zugleich.

Zu guter Letzt ist es ein Bühnenstück und deswegen sollte es eben nicht nur einfach gelesen werden, sondern auf einer Bühne zum Leben erweckt werden. Erst das Spiel der Figuren belebt die Geschichte.

Den Druck der trüben Zeit muss man nun tragen;
was man fühlt, sprechen, nicht, was man sollte, sagen.
Der Ältste trug am schwersten: jung daneben
werden wir nie soviel sehn noch so lange leben.

König Lear
Autor: William Shakespeare
urheberfreie Kindle-Ausgabe
122 Seiten
Kindle (Amazon.de)

Stoner

Stoner, John William 5_Sterne

Stoner von John Williams wurde erstmals 1965 veröffentlicht, dann vergessen und im Jahr 2006 in einer Neuauflage durch Edwin Frank in The New York Review of Books Classics wiederbelebt. Ich las die Ausgabe des Deutschen Taschenbuch Verlags von 2014.

In prägnanten Abschnitten erfahren wir das Leben William Stoners, insbesondere seine „Zuflucht“1 zur Universitätsstätte, seine Liebe zur Literatur, sein Dasein als Farmersjunge, Student, Freund, Lehrer, Kollege, Ehemann, Vater, Geliebter und Mensch.

1 […], ergänzte Masters. „Und so hat die Vorsehung, die Gesellschaft oder das Schicksal – welche Bezeichnung ihr auch bevorzugt – diese armselige Bleibe für uns geschaffen, auf das wir uns dorthin vor jeglichen Unwetter flüchten können. Unseretwegen gibt es die Universität, für die Enteigneten der Welt, nicht für die Studenten und nicht für das selbstlose Streben nach Wissen, auch nicht aus einem der anderen Gründe, die man euch nennen mag.“ (S. 43)

William Stoner schreibt mit einer einfühlsamen Intensität und treibt seinen Charakter in das Menschdasein. Anfangs erscheint alles distanziert, ja Stoner selbst ist sehr emotionslos, fordert doch das Aufwachsen auf einer Farm eine klaglose tägliche Pflichterfüllung. Als er dann die Möglichkeit bekommt, an der Universität zu studieren, eröffnet sich eine neue Welt für den jungen Stoner. Und trotz der teils distanzierten Erzählung – je weiter das Leben Stoners fortschreitet, desto liebenswürdiger wurde Stoner für mich. Stoner selbst ist eher ein zielloser, zurückhaltender passiver Mensch, der sich treiben lässt und von einer Welle zur nächsten nicht springt, sondern eher seicht einen Schritt nach dem anderen geht, aber wenn er ihn tut, dann ohne Furcht und mit stoischer Ruhe.

Auf einer gewissen Weise ist das Buch melancholisch, aber nie zu viel, nie zu pessimistisch, immer mit den leisen Worten „Es hat sich gelohnt, das Leben.“ Vielleicht ist es das was mir so gut gefallen hat, vielleicht war es auch die Neugier, einen intimen Einblick in ein Leben zu erhaschen, in das Universitätsleben Amerika zur ersten Hälfte des 20. Jh., vielleicht war es auch einfach nur fantastisch geschrieben. Auf unerklärliche Weise hat mir das Buch sehr gut gefallen.

Stoner
Autor: John Williams
dtv-Verlag, 2014
352 Seiten
Taschenbuch (Amazon.de)

Die Geschichte eines neuen Namens, Bd. 2

Die Geschichte eines neuen Names, Elena Ferrante 4_Sterne

Die Geschichte eines neuen Namens ist der zweite Band der neapolitanischen Saga von Elena Ferrante. Ich las die Hardcover-Ausgabe in der 3. Auflage des Suhrkamp Verlages, welche 2017 erschienen ist.

Für Elena und Lila beginnt die Welt des Erwachsenen-Seins, neue Eindrücke, Gefühle, ja, ganz neue Welten, Ehe, Liebe, Sex, Eifersucht, Ehebruch, Arbeitswelt, Studium, neue und alte Freunde, Familie…

Die Wege beider trennen sich. Während Lila verheiratet ist, die Annehmlichkeiten des eingeheirateten Reichtums genießen kann, aber auch das wahre Gesicht ihres Mannes kennenlernt und in die legalen und betrügerische Arbeitswelt einsteigt, darf Elena weiter lernen, fragt sich aber auch, ob es überhaupt Sinn macht, weil Sie merkt, dass die Welt des Lernens sie von ihrer neapolitanischen Welt distanziert. Einerseits ist sie fasziniert von allem Intellektuellen, andererseits merkt sie, dass sie „anders“ ist, eben nicht aus einem wohlhabenden, akademischen Haushalt kommt.

Immer noch bin ich fasziniert von der Geschichte, die mir Lenù (Elena Grecco) erzählt, von ihrer Freundin Lila (Raffaella Cerullo), von den Widrigkeiten des Lebens und wie unterschiedlich die zwei ihre Lebenswege gehen, einander nah sind, aber dennoch fern, wie sie sich gegenseitig beeinflussen, obwohl sie so fern voneinander sind, aber ihre Gedankenwelt, zumindest Lenùs, sich immer um die Freundin Lila dreht, ob aus Ablehnung  oder Zuneigung. Oft lag Lenù auch falsch was Lila betrifft und das erkennt sie, als sie die Schreibhefte von Lila erhält und liest… und am Ende erkennt:

[…] dass es auf der Welt überhaupt nichts zu gewinnen gab, dass ihr Leben genauso wie meines voller außergewöhnlicher und unsinniger Abenteuer war und dass die Zeit ganz einfach ohne jeden Sinn verrann und es nur schön war, sich hin und wieder zu sehen, um den verrückten Klang des Gehirns der einen als Echo im verrückten Klang des Gehirns der anderen zu hören.

Eine schöne Geschichte über die kleinen und großen Dinge des Lebens, über die Klassengesellschaften der 60iger Jahre in Italien, die zwischenmenschlichen Brutalitäten der Kinder, Frauen, Männer und Familien, wie wichtig Bildung ist, aber auch wie schwierig es sein kann sie zu erhalten und dranzubleiben, und was Freundschaft ist, wie veränderbar und gleichzeitig beständig sie sein kann.

Die Geschichte eines neuen Namens (Bd. 2, Die neapolitanische Saga)
Autorin: Elena Ferrante
Suhrkamp Verlag, 2017, 3. Aufl.
623 Seiten
Hardcover (Amazon.de)

Veröffentlicht von

querlesen

Langsam- und Genussleserin

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