Lesemonat Januar 2019

Lesemonat Januar 2019

Der erste Monat im neuen Jahr 2019 war lesetechnisch sehr abwechlungsreich und sprunghaft: ein Katastrophenthriller, eine anspruchsvolle grafische Novelle über physikalische Kräfte, ein Sachbuch über den Tod und ein Roman über die Bisonjagd im 19. Jahrhundert.

Mathilda

Mathilda, Oliver Pätzold 3_Sterne

Der Katastrophenthriller Mathilda, geschrieben von Oliver Pätzold (Pseudonym), erschien 2018 als E-Book bei Amazon Media. Der Thriller erzählt die Geschichte einiger Menschen nach dem Einschlag eines Asteroiden und deren Folgen.

Ich mochte das Tempo und den groben Handlungsstrang aller drei ausgesuchten Charaktere Achim, Emma und Paul, der Kampf aller wieder zueinander zu finden und gleichzeitig zu überleben. Jeder erlebt unterschiedliche einschneidende Ereignisse, die ihr Denken verändern werden. So macht jeder Charakter eine Entwicklung durch. Trotzdem fehlte mir bei den Charakteren die Persönlichkeit, das Innere, auch die Vergangenheit, warum sie so denken oder handeln wie sie es eben taten. Sie schienen teils alle das Gleiche zu denken und zu fühlen. Die eigentliche Persönlichkeit kam nicht bei mir an und ich fühlte mich mit den Charakteren nicht emotional verbunden.

Die Sprache ist sehr einfach gestaltet und durch eine personale Erzählperspektive gekennzeichnet.

„Plötzlich wurde es Emma heiß und kalt.“

„(…) fragte sich Emma, wie sie es geschafft hatten, bei diesen Verhältnissen Holz zu besorgen.“

Ich empfand die Gedanken der Charaktere teils oberflächlich. Manchmal fand ich die Gedanken auch klischeehaft und vorurteils-lastig bezüglich Politik und Wirtschaft. Diese wurden fast ausschließlich negativ dargestellt statt eben auch einen Charakter zu haben, der sich z.B. politisch für Menschen einsetzt. Die Charakterauswahl war sehr eingeschränkt und auch nicht vollends entwickelt. Man erfährt kaum Hintergründe der Charaktere. Paul, der Freund von Emma zum Beispiel. Was ist seine Geschichte? Er hat keine. Er ist einfach da, aber er ist ein Hauptcharakter.

Einiges fand ich auch für den Leser nicht nachvollziehbar. So wollte der Hauptcharakter Achim ständig eine Menge Geld von der Bank abholen, riskiert dabei sein Leben, um in die Großstädte zu gelangen, obwohl er bereits überfallen wurde und niemand weiß warum er das Geld braucht. Er selbst auch nicht. Also warum nicht den direkten Weg zur Tochter wählen? Es machte teils keinen Sinn, weil der Charakter selbst seine Gedanken nicht mit dem Leser hinsichtlich der vermutlichen Verwendung des Geldes mitteilt.

Fazit: Eine schöne Idee mit Schwächen in der Umsetzung.

Mathilda
Autor: Oliver Pätzold
Amazon Media EU S.à r.l. , 2018, 1. Aufl.
509 Seiten
Kindle (Amazon.de)

Das Geheimnis der Quantenwelt

DAs Geheimnis der Quantenwelt 4_Sterne

Die grafische Novelle Das Geheimnis der Quantenwelt wurde von dem theoretischen Physiker und Professor Thibault Damour geschrieben und von dem Comiczeichner Mathieu Burniat in Bilder umgewandelt und von Ebi Naumann aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt. Der Comic erschien 2016 unter dem Titel Le Mystère du Monde Quantique bei Dargaud. Ich las die 4. deutsche Auflage von 2018 aus dem Knesebeck Verlag.

Wir lernen Bob und seinen treuen Begleiter Rick kennen. Die Geschichte beginnt mit einer Tragödie, woraufhin Bob der verlorenen Realität in der Quantenwelt nachgehen soll. Daraufhin trifft er berühmte Wissenschaftler, wie Max Planck, Louis de Broglie, Niels Bohr, Albert Einstein, Werner Heisenberg und andere. Er folgt dem Planckischen Wirkungsquantum (welches die Quantentheorie begründete), diskutiert über den Aufbau von Atomen, über ihre Teilchen- und/ oder ihre Welleneigenschaften, über Wahrscheinlichkeiten und Komplexitäten, lernt verschiedene Theorien und Ideen kennen, die sich widersprechen oder ergänzen.

Die Welt der Quanten und ihre mathematischen und theoretischen Ideen sind sehr komplex und werden in diesem Comic dargestellt. Es wird versucht bildliche Darstellungen für die mathematischen Formeln und Theorien wiederzugeben, aber ohne die Formeln auszulassen, sondern sie werden sogar erklärt.

Ich fand den Comic sehr gelungen. Besonders die Beziehung zwischen Bob und Rick fand ich sehr erfrischend in all der Tragik und physikalischen Theorien. Auch die verschiedenen Aspekte, Uneinigkeiten und Widersprüche oder eben auch Zugeständnisse der Wissenschaftler untereinander haben mir gut gefallen.

Ein sehr schöner Comic für den anspruchsvollen Leser, der keine Angst vor den Quanten haben darf.

Das Geheimnis der Quantenwelt
Autor: Thibault Damour, Illustrator: Mathieu Burniat
Knesebeck, 2017, 1. Aufl.
168 Seiten
Hardcover (Amazon.de)

The End – Das Buch vom Tod

The End - Das Buch vom Tod (Eric Wrede) 4_Sterne

Das Buch The End von Eric Wrede erschien 2018 im Heyne Verlag. Der Autor Eric  Wrede wurde Bestatter und erzählt hier seine Ansichten von der Bestattungskultur in Deutschland.

Der Autor spricht unbefangen über den Tod, wie er hier in Deutschland abgewickelt wird und wie er sich wünscht, manche Dinge würden sich verändern. Das wir freier über den Tod sprechen, dass wir natürlicher und unbefangener mit ihm umgehen, dass weniger Bürokratie und Kommerzialisierung und mehr Seele und Herzlichkeit den Trauenden entgegengebracht wird, dass Trauende und Sterbende ein Recht auf individuelles Trauern und Sterben haben sollten. Dies alles berichtet der Autor uns anhand von fiktiven oder realen Fall-Beispielen.

Auch macht er darauf aufmerksam, sich rechtzeitig um „seine Angelegenheiten“ zu kümmern und Hinterbliebenen nicht völlig überfordert und ratlos zurückzulassen. Des Weiteren geht er auch offen mit den Kosten von Beerdigungen um.

Letztlich erzählt der Autor uns seine Sicht der Dinge, die ich tatsächlich doch manchmal als sehr einseitig empfand. Er selbst fühlt(e) sich in jüngeren Jahren der Punkszene zugehörig und so neigt der Autor dazu alles Traditionelle gerne mit dem sogenannten Spießertum gleichzusetzen. Dies wurde dann von den Interview-Partnern auch noch bestätigt. Entsetzlich fand ich den Satz von einem Interview-Partner auf die Frage „Wie findest du Friedhöfe?“. Die Antwort lautete:

„Deutsche Friedhöfe machen mir Angst. alles ist so schön gepflegt, und über die geharkten Wege schleichen diese bösen Spießeromas mit ihren Gießkannen.“

Gut, dies ist eine Meinung, aber zog sich im Buch irgendwie durch (auch wenn der Autor versuchte zu sagen, er hätte eigentlich nichts gegen Trauercafés oder traditionelle Friedhöfe). Dabei wird völlig übersehen, dass Ältere, deren Bekannte fast alle verstorben sind, auf dem Friedhof ihre letzten soziale Kontakte pflegen.

Die englischen Aussprüche, die sich im Buch mehrmals wiederfanden, fand ich auch sehr eigentümlich, zumal der Autor selbst in einem ganzen Kapitell darauf behaarte doch den Tod nicht bildlich oder gar sprachlich umschreibend darzustellen, z.B. „er ist entschlafen“ zu verwenden, sondern klare und direkte Worte zu wählen. Für mich ist es widersprüchlich dann in einer anderen Sprache seine Meinung Ausdruck zu verleihen. Mich haben sie nicht gestört, aber warum ein englischer Titel und Untertitel gewählt wurden, ist mir rätselhaft. Soll es Modernität vermitteln oder sind es die Hinterlassenschaften der ursprüngliche Karriere in der Musikindustrie?

Am Ende empfehle ich das Buch trotz der Eigentümlichkeiten, denn insbesondere hat der Autor Mut und Offenheit gezeigt, seine Meinung und seine Erlebnisse mit dem Tod der Welt zu erzählen, gibt viele Ratschläge und hat auch bei mir Denkanstöße bewirkt.

The End – Das Buch vom Tod
Autor: Eric Wrede
Heyne Verlag, 2018, 1. Aufl.
192 Seiten
Broschiert (Amazon.de)

Butcher’s Crossing

Butcher's Crossing, John Williams 4_Sterne

Butcher’s Crossing wurde 1960 von John Williams geschrieben und 2007 von New York Review of Books Classic neu aufgelegt. Ich habe die deutsche Übersetzung von Bernhard Robben in der Taschenbuchausgabe von 2016 aus dem dtv Verlagsgesellschaft gelesen.

Butcher’s Crossing ist ein entlegenes Städtchen in Kansas, in welchem um 1870 der Handel mit Büffelfellen boomte. In dieses Städtchen verschlägt es Will Andrew, der im Westen nach Abenteuer und der wilden Natur sucht. Das Abenteuer findet er in der Besessenheit des Büffeljägers Miller, der einst eine riesige Büffelherde in den Tälern der Colorado Rockies ausfindig machte und seither diese gerne jagen möchte. Sie machen sich auf, um diese Herde zu suchen und so beginnt eine strapaziöse Reise durch eine nicht zähmbare Natur.

John Williams erzählt in sehr ruhiger, unaufgeregter Weise die Reise des jungen Will und beschreibt dabei auch ausführlich was er sieht, was er riecht, was er fühlt. Eindrückliche Landschaftsbilder und Naturkräfte, die auf unsere Reisenden einwirken werden bildlich und atmosphärisch beschrieben. Lässt man sich darauf ein, versinkt man mehr und mehr in diese teils lebensfeindliche Welt des „wilden Westens“ und auch in die aus heutiger Sicht grausame Jagd und Gier des Menschen nach mehr. Dabei geht Williams nicht mit erhobenen Zeigefinger auf die Ausbeutung der Natur durch den Menschen ein, sondern überlässt es dem Leser zu sehen, zu denken und zu fühlen.

Vielmehr erzählt uns Williams auch von der Suche des jungen Andrews zu sich selbst, aus der Zivilisation in die Natur und zurück, der verklärten romantischen Ansichten der Universität zu entfliehen und die Leere, das Nichts des Lebens kennenzulernen.

So berichtet uns der Fellaufkäufer McDonald, was Andrews eigentlich gesucht hat (S. 332):

„Man wird geboren und mit Lügen gepäppelt, wird mit Lügen abgestillt und lernt in der Schule ausgefallener zu lügen. Das ganze Leben baut auf Lügen auf, und dann, womöglich wenn es ans Sterben geht, wird einem klar – dass da nichts war, nichts außer einem selbst und dem, was man hätte tun können.“

Butcher’s Crossing zeigt die unstillbare Jagd und Ausrottung der Büffel aufgrund menschlicher Bedürfnisse – ein Paradebeispiel über den Kapitalismus und seine Opfer eingepackt in wunderschön beschriebenen Naturszenen und menschlichen Abgründen, Ängsten und Hoffnungen.

Butcher’s Crossing
Autor: John Williams
dtv Verlagsgesellschaft, 2016, 1. Aufl.
368 Seiten
Taschenbuch (Amazon.de)

 

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Veröffentlicht von

querlesen

Langsam- und Genussleserin

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