[Rezension] Leere Herzen

Leere Herzen von Juli Zeh

Leere Herzen von Juli Zeh erschien 2017 im Luchterhand Literaturverlag und erzählt die dystopische Geschichte eines zukünftigen Deutschlands nach der Angela-Merkel Ära. Europa steht kurz vor der Auflösung und die BBB, die Besorgte Bürger Bewegung, ist an der Macht.

Wir lernen Britta Söldner und ihre aktuellen Lebensumstände (ein Mann, eine Tochter, eine befreundete Familie) kennen und erfahren, dass sie mit dem irakisch-stämmigen Babak eine Heilpraxis für Psychotherapie, namens Brücke, eröffnet hat, wobei sich hinter der Heilpraxis ein Geschäftsmodel der besonderen Art versteckt. Diese Geschäftsidee ist so absurd und gleichzeitig erschreckend realistisch. Ein nicht näher bestimmbares Gefühl sagt mir, dass in einer kapitalistischen Welt dieses Szenario durchaus denkbar ist. Die Grenze dessen, wie weit jeder geht, um Geld zu verdienen, ist wohl in der Persönlichkeit und den äußeren Bedingungen zu suchen. Wie auch immer, die Idee der „Brücke“ faszinierte und erschreckte mich und ab diesem Zeitpunkt wollte ich mehr.

Der Roman ist teilweise spannend erzählt und so manche Passagen haben mir durchaus großartig gefallen. Aber ich schwankte zwischen Passagen von Genialität und aufreibend bis hin zu öde und unlogisch.

Ein Grund dafür ist, dass mich die Autorin mit der ständig herabblickenden und oft negativen und belehrenden Erzählweise verliert. Die Sichtweise der Protagonistin Britta ist ausschließlich negativ und anklagend, sozusagen gelebter Zynismus, was natürlich zu ihrem Charakterbild passt. Aber warum sie in ihren Gedanken so starr ist, entzieht sich mir.

Der zweite Punkt, den ich für einen Roman nicht so gut gelungen fand, ist der Gesellschaftsrahmen, der einfach durch Schlagwörter dem Leser mitgeteilt wird. Dadurch wirkt die gesamte Geschichte schemenhaft, wie ein Bühnenbild. Die Handlung wird nicht in ein gesellschaftliches Szenario eingebettet.

Juli Zeh gibt der Handlung um die „Brücke“ einen zweidimensionalen Rahmen vor, in der die Figuren wie Abziehbilder wirken. Die Figuren sind wie Klischees, wie Personen, die im Fernsehen ein Interview geben, also für eine kurze Zeit eine Rolle spielen. Es fehlt ihnen an Tiefe. Und so fehlte mir schlicht die Bindung an die Charaktere.

Gegen Ende des Buches wurde die Handlung absurder und unlogischer und die Handlungen passten nicht mehr zu den Figuren. Alles in sich wurde unlogischer. So hat mich der Schluss verwirrt und enttäuscht zurückgelassen.

Der Roman lässt mich zwiegespalten zurück. Auch wenn ich nicht vollends überzeugt bin, gibt es von mir eine Leseempfehlung. Die Idee und die Anklage an sich über uns Menschen, die wir allzu oft alles als selbstverständlich hinnehmen und im Strom der Gleichgültigkeit mitschwimmen, haben mich überzeugt, auch wenn ich mir eine andere, lesereinbindendere Umsetzung gewünscht hätte.

3_Sterne (3/5 Sterne)

Mein Fazit

Eine interessante und provokative Anklageschrift über politiküberdrüssige Menschen und die daraus resultierende Gefahr für demokratische Verhältnisse, die sich aber durch die schemenhafte Erzählweise, teils unlogischen Sprüngen und der nicht vorhandenen Identifizierung mit den Figuren in ihrer Wirkung neutralisiert.

Leere Herzen
Autorin: Juli Zeh
Luchterhand Literaturverlag, 2017, Gebundenes Buch
352 Seiten
Gebundenes Buch (Amazon.de)

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Veröffentlicht von

querlesen

Langsam- und Genussleserin

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